September 18, 2022

Ich bin nicht wichtig

Die einzige Chance, das zu überwinden, was wir am meisten fürchten, das Altern zum Tod, ist etwas in anderen, im Anderen zu hinterlassen.

Ich bin nicht wichtig

Ihr habt lange nichts mehr von mir gehört. Und ich sag mal so: schuld ist 2022. Das Jahr war bisher ... hmm ... herausfordernd. Hier eine kleine Auswahl meiner Meilensteine:

  • Mein Vater ist gestorben. Nicht, dass wir uns gemocht hätten, aber ich bin jetzt mehr oder weniger der letzte meiner Geburtsfamilie und wahrscheinlich der Nächste, den es über die Klippe schubst. Kein schönes Gefühl.
  • Ich hatte kurz danach das erste Mal in meinem Leben "Rücken", Hexenschuss durch leicht angerissene Bandscheibe zwischen dem dritten und vierten Lendenwirbel. Mit den Schmerzmitteln und besonders den Opioiden, die ich über Wochen bekommen habe, hätte man ein kleines Bergdorf high machen können.
  • Ich hatte mich danach gerade mühsam wieder beweglich trainiert, da führte ein Husten- zum nächsten Rückenanfall. Da wir einen Tag später mit dem Wohnmobil nach Dänemark fahren wollten, wurde Ibuprofen über Wochen mein zweiter Vorname (auch wenn ich finde, dass er eher weiblich klingt). Und mit Videos zu meinen Techniken beim Besteigen der Schlafkoje oder beim Umziehen, hätte ich Mr. Bean sehr gut Konkurrenz machen können.

  • Meine Tochter ist für ein Austauschjahr in die USA gegangen. Sie wird langsam erwachsen und fehlt mir schon jetzt.
  • COVID hat mich dann trotz dreier Impfungen doch endlich erwischt. Kein Drama, aber irgendwie beleidigend. Ich dachte, ich bin stärker.
  • Mein letzter Taxifahrer hat mich gefragt, wie mir der Ruhestand gefällt. Der Ruhestand!
  • Außerdem habe ich festgestellt, dass mein Hals in Videokonferenzen mittlerweile mehr Falten hat als ein Shar Pei - aber nicht annähernd so niedlich aussieht.
Photo by Tiago Vasconcelos / Unsplash

Kurz: 2022 machte das "Schwinden der Lebenszeit und -kraft", über die ich zum Start dieses Blogs so locker-flockig räsoniert habe, plötzlich sehr greifbar.

Dieser Übergang von der Theorie zur Praxis des Alterns kam unvermittelt deutlich - und hat mich stärker angegriffen, mich aus der Bahn geworfen, als ich gedacht hätte. Denn obwohl ich vorbereitet war, obwohl mir klar war, dass es passieren würde, saß ich plötzlich unleidlich und schimpfend auf der Ersatzbank und beging so ziemlich jeden Fehler, den zu vermeiden ich eigentlich angetreten war.

  • Ich wurde zum Age-Shamer, nur umgekehrt: Alle Menschen unter dreißig  standen bei mir plötzlich unter Generalverdacht, dumm, faul und unreif zu sein. Die sollten erst mal was leisten, bevor sie sich erdreisten duften, mit Ratschläge zu erteilen, nach dem Motto: "Mit leerem Hirn spricht man nicht." An manchen Tagen war ich kurz davor Rache-T-Shirts zu drucken.
Ok Boomer / Millenial. Have a terrible day.
Was ihr könnt, kann ich schon lange.
  • Ich wurde unglaublich eitel-panisch. Eitel-Panik bezeichnet das Gefühl, das  ältere Menschen überfällt, wenn sie plötzlich begreifen, dass der körperliche Verfall nur noch mit technischen Kunstgriffen aufzuhalten ist. Es gab Wochen, in denen meine Google-Search-History von Begriffen wie Hyaluron und Botox nur so wimmelte. Und so ungefähr habe ich mir das Ergebnis vorgestellt.
Carsten Rossi with Snapchat Filer, making him look younger.
Dorian Rossi. Irgendwie aber auch ein bisschen sexy 😎
  • Ich mutierte zum rastlosen Narzissten. Ich entwickelte ein "ein extremes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Bewunderung". Wenn alles bald vorbei wäre, musste ich doch noch etwas werden, schaffen und dafür geliebt werden. Viele  Tweets oder LinkedInPosts aus dieser Zeit schrieen einfach nur "seht mich an, liebt mich, sagt mir, dass ich großartig bin". Das ganze ging einher mit völlig kopflosen privaten und beruflichen Kreativitätsanfällen, die allesamt nur dazu dienen sollten, mir die Bewunderung der Welt zu sichern - und von denen keiner jemals irgendetwas hervorbrachte, das Bestand hatte.
  • Bis diese Phase zum Schluss in einer ziemlich heftigen depressiven Verstimmung endete. Ich mag jüngere Menschen eigentlich, habe nicht genügend Geld für eine anständige Schönheitsoperation und tue Dinge eigentlich nur dann gut, wenn ich sie um ihrer selbst willen tue, nicht um damit zu glänzen. Kurz: alle Auswege waren mir verschlossen, ich stand mit dem Rücken zur Wand, ich war so gut wie tot. Warum eigentlich aufstehen?
Rossi depressiv. Schwarz-weiß Bild.
Rossi im A....

In dieser Schlussphase begann ich mich zurückzuziehen. Ich ließ viele Sachen liegen, schleifen, anbrennen a(auch in der Küche), trank mehr und regelmäßiger als ich sollte. Physisch war ich weit entfernt von Nicolas Cages Performance in Leaving Las Vegas, aber gefühlt war ich ein paar Mal drauf wie Ben Sanderson, der Charakter, den Cage verkörpert.

Bis es eines Tages plötzlich vorbei war.

Das Fenster

An dieser Stelle würde ich jetzt gerne den ultimativen Tipp geben, der diese plötzliche Veränderung erklärt. Meditation, Heilfasten, Bungee Jumping, was auch immer. Aber es gibt nichts, kein spezielle Praxis, kein patentierbares Heilmittel. Ich stand  einfach morgens und müde vor dem Fenster, sah mein wenig attraktives Spiegelbild an, versuchte mir zuzulächeln, was fürchterlich misslang - als plötzlich ein Vogel am Fenster vorbeiflog und ich durch mich hindurch, hinter ihm her und auf die Welt sah. Ich sah die Bäume, die Wolken, die Häuser in der nächsten Reihe, hörte einen Motor starten, Kinder auf dem Weg zur Schule, einen Flieger am Himmel, die Autobahn in weiter Entfernung. Ich war da noch in dem Fenster, aber ich war nur noch eine Reflektion, der Vordergrund für das Leben dahinter, eine Perspektive unter vielen. Ich stützte mich auf die Fensterbank, ließ meine Stirn an die Stirn im Glas sinken und dachte diesen Satz:

Ich bin nicht wichtig.

Und war froh. Weil ich plötzlich begriff, dass mein ganzer Ärger, mein gefühltes Unglück nur deshalb Macht über mich hatte, weil ich mich ins Zentrum meiner Welt gestellt hatte. Dabei ist das Unsinn. Denn:

Ich bin nicht wichtig.

Oder besser mit Witt Lowry.

I'm a human here with a vision, no less or more than the rest

Ich bin nicht hier, um mich um mich zu kümmern, um mich glücklich zu machen. Ich bin hier als Teil eines Großen und Ganzen, zu dem ich beitragen kann und sollte, mit den Dingen in denen ich gut bin. Um das zu tun muss ich mich in Schuss halten, körperlich, geistig, psychisch. Aber das ist kein Ziel, das ist ein Mittel. Mein Glück ist nur dann von Bedeutung, wenn es andere ebenfalls glücklich macht, nicht wenn es andere ihres kostet.

Keine Angst, das ist keine Saulus-zu-Paulus-Erfahrung, kein religiöses Erweckungserlebnis. Ich glaube nicht daran, dass mir irgendwer oder irgendwas, kein Gott, keine Vorsehung oder Bewegung, eine Aufgabe in die Wiege gelegt hat. Jeder hat die Freiheit, sich seine Ziele auszusuchen. Sie können groß sein oder klein, kurz- oder langfristig. Aber ich glaube (jetzt), dass sie über das eigene Leben hinausweisen müssen. Wir stehen der Welt im Weg, wenn wir nur an uns denken. Wer nichts anderes tut, als sein eigenes Glück zu suchen, wer nicht akzeptiert, dass er Teil eines Kollektivs, einer Gesellschaft, eines Systems ist, wird über kurz oder lang immer unglücklich sein. Denn die einzige Chance, das zu überwinden, was wir am meisten fürchten, das Altern zum Tod, ist etwas in anderen, im Anderen zu hinterlassen.  

Back to Boomer

Womit wir wieder beim "Alten Weißen Mann" wären, eigentlich aber schon eher bei meiner ganzen Generation. Wir haben den Begriff und das Konzept der "Selbstverwirklichung" groß gemacht und in das Zentrum unserer Ökonomie und Gesellschaft gestellt. Wir sind die Erfinder der Wellness, der Personal Trainer, des Coachings, die uns glücklich machen sollen, schön und reich. Statt uns um unseren Planeten und unsere Kinder zu kümmern, starren wir nur in den Spiegel, besorgt bis zum Tod und begreifen nicht, dass wir geben müssen, um zu bekommen. Wir nehmen nur, beuten aus und verbrauchen, zerstören dabei, was noch übrig ist und reißen alle, die uns nachfolgen, mit ins Verderben.

Das muss aufhören. Weil wir Verantwortung haben. Wir haben die größten Vermögen, noch immer die Macht und den Einfluss und wenn wir keine psychologisch-kopernikanische Wende hinkriegen, wenn wir nicht begreifen, dass sich nicht die Welt um uns dreht sondern wir nur Satelliten sind, die senden dürfen, bis sie irgendwann verglühen, sind wir am Ende nur Hautverschwendung.

Und weiter unglücklich.

Das jedenfalls ist meine Erkenntnis, an einem Sommermorgen, in T-Shirt und Boxershorts am Fenster meines Schlafzimmers. Dieser Moment hat mich  verändert. Ich habe Kraft und Antrieb, gute Laune und Freude zurück. Denn was mich nun bewegt, bin nicht nur ich, sondern das, was ich erreichen, hinterlassen und fördern will. Ich will guten Menschen beibringen, wie sie für ihre Ziele werben, wie sie Aufmerksamkeit für das bekommen, was ihnen wichtig ist. Das ist nicht viel. Aber es ist ein Teil des Ganzen.

Und macht glücklich.